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BUCURESTI
2004 |
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“ERINNERUNG UND REKONSTRUKTION DER HEIMAT”
Seit mehr als zwei Jahren arbeite ich an einem umfangreichen fotografischen Zyklus zum Thema “Erinnerung und Rekonstruktion der Heimat”. Fragen nach dem Verhältnis von Heimat und Exil, von Vergangenheit und Gegenwart, von Realität, Identität und Inszenierung stehen dabei im Zentrum.
Dem Thema habe ich mich genähert, indem ich einerseits die Wohnräume rumänischer Exilanten in Westeuropa und andererseits Wohnräume in Rumänien fotografierte. Die Fotografien konzentrieren sich ganz bewußt darauf, diese Räume samt ihrer Inneneinrichtung zu zeigen.
Anstatt z.B. mittels Portraitaufnahmen der Bewohner den Blick auf Einzelschicksale zu beschränken, geht es darum, die fotografierten Innenräume als exemplarische Projektionsräume kenntlich zu machen, in denen Gegenstände zum Symbol der Heimat und einer (vermeintlich) kollektiven Identität werden. Obgleich die Fotografien natürlich auch einen sehr persönlichen Einblick in die privaten Räume einzelner Menschen gewähren, steht die Rolle des Wohnraums als Spiegelbild zeitgebundener gesellschaftlicher und kultureller Phänomene im Vordergrund des Zyklus.
Dass ich das Thema “Erinnerung und Rekonstruktion der Heimat” am Beispiel Rumäniens angehe, hängt nicht nur damit zusammen, dass meine familiären Wurzeln in Rumänien liegen. Denn die Fotografien der Wohnräume lassen Spuren und Traditionen vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche in Rumänien sichtbar werden, die einen differenzierteren Blick ermöglichen als die Darstellungen der Armut, der Waisenhäuser, der Heilanstalten oder des exotischen Zigeunerlebens, die in den westeuropäischen Medien stereotyp wiederholt werden.
Beatrice Minda
geboren 1968 in München, lebt in Berlin
1997 Meisterschülerin bei Prof. K. Sieverding an der Hochschule der Künste (UdK), Berlin
STIPENDIEN
2006 goldrausch Künstlerinnenprojekt art IT, Berlin
2004 Cité Internationale des Arts, Paris, Auslandsstipendium der Senatsverwaltung für Wissenschaft,Forschung und Kultur, Berlin
1999 Paris-Stipendium der französischen Regierung
1995 Erasmusaufenthalt an der Ecole Nationale Superieure des Beaux Arts, Paris
EINZELAUSTELLUNGEN (AUSWAHL)
2006 l’ été photographique de lectoure: vue de l´interieur, Lectoure
Surexpositons: Innenansicht, Centre Culturel Français, Timisoara
2005 Fotofestival 2005: Rekonstruktion II: Brotfabrik, Berlin
Reconstituire I, Deutsches Kulturzentrum Temeswar, Temeswar
Berlin Wschodni na Pradze Północ, Nizio Gallery, Warschau
reconstitution-preview«, Institut Culturel Roumain, Paris
2003 arrêt sur image, Stiftung Burg Kniphausen, Wilhelmshaven
The Invitation, Galerie Koch und Kesslau, Berlin
2000 une vie plus ordinaire II, Galerie Koch und Kesslau, Berlin
1998 and then one day eternity is over, dirty windows, Berlin
Lichtung, Schaukasten Oranienburger 8, Berlin
GRUPPENAUSSTELLUNGEN (AUSWAHL)
2006 MAGMA: goldrausch 2006, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin
back & forth, Projekt in der Ausstellung designing truth,
Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg
Nacht und Wald«, Galerie Royal, München
2003 Still/ Moving, Internationales Handelszentrum, Berlin
2001 fare un giro, Galerie Cadutta Sassi, München
2000 une vie plus ordinaire I, Galerie Wohnmaschine, Berlin
1999 après soleil I, Galerie Koch und Kesslau, Berlin
après soleil II, Galerie Cadutta Sassi, München
1998 1. berlin biennale: ephemer, Postfuhramt, Berlin
Fotospektiven I, TV-Galerie, Moskau
Fotospektiven II, Marstall, Berlin
ZIMMER DER ERINNERUNG
Die Erfahrung von Zeit ist ein wesentliches Merkmal der Fotografie. Obwohl sie Ansichten und Momente immer nur ausschnitthaft wiedergibt, vermittelt die Fotografie spezifische Erkenntnisse über die reale Gegenstandswelt. Raum, Zeit und Bild stehen in einem steten Dialog, bei dem das fotografische Bild einerseits den Anspruch erhebt, Momentaufnahmen Dauer zu verleihen und andererseits eine über das Abbild hinaus gehende Autonomie des Bildes zu erlangen. Dabei vermag die Fotografie das Wesenhafte und Einzigartige eines Gebäudes, einer Form oder eines Raumes zu enthüllen.
Beatrice Mindas mehrteilige Arbeiten sind immer auch eine Referenz an das Wesen der Fotografie - an die fotografische Erfahrung des Sehens. Es geht ihr um die Reflexion der sichtbaren Welt mit spezifisch fotografischen Mitteln, ohne streng zu dokumentieren, digital zu manipulieren oder zu inszenieren. Ihre jüngste Fotoserie „Innenansicht“ stellt einen umfangreichen fotografischen Werkkomplex dar, in dem sich die Künstlerin den Phänomenen Erinnerung und Rekonstruktion in subtiler Weise annähert. Seit zwei Jahren fotografiert sie landestypische Wohnräume in Rumänien und im westeuropäischen Exil. Dabei interessiert sie weniger das Spezifische und Exotische eines ganz bestimmten Innenraumes, es geht ihr vielmehr um die Essenz von Spuren, Stimmungen und Dingwelten, die eine exemplarische Topografie rumänischer Interieurs vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Umbrüche widerspiegelt. In ihren Aufnahmen setzt sie sich mit dem symbolischen Charakter von Innenräumen auseinander und löst das Individuelle ihrer eigenen Kindheitserinnerung zugunsten eines Allgemeinen auf. Durch die altmodisch anmutende Aura der Gegenstände, das gleißende Gegenlicht, die satte Farbigkeit und die indirekte Präsenz des Menschen in den „leeren“ Innenräumen entspinnt sich ein Universum kleiner und großer Geschichten, das präzise registriert und zugleich abstrakte Zeitlosigkeit suggeriert. Die feinen haptischen Qualitäten der Interieurs und das ausbalancierte Gefühl für Komposition erinnern mit ihren Lichtreflexen und Glanzlichtern an Bilder der Alten Meister. Minda lässt den Blick des Betrachters an den motivisch vertrauten Details der wohl geordneten Inneneinrichtungen der Zimmer entlang schweifen: die Blumenvase, das Spitzendeckchen, die Madonnenstatue, das Bett, die Teppiche. Über die vielfältigen Beobachtungen und Entdeckungen des „typisch“ Rumänischen dieser Bilder hinaus, entstehen aus den Wohnräumen eindrucksvolle Bild-Räume, die sich mit dem Erfassen des schlichten Sujets vom Sichtbaren lösen und zu einem bildhaften Ereignis von Licht und Schatten, Farbigkeit und Stofflichkeit werden.
Arbeitet die Künstlerin im ersten Teil der Serie konsequent mit Raumtotalen, die in ihrer Gesamtheit die Atmosphäre der Räume ihrer Kindheit rekonstruieren, lenkt sie den Blick in den bürgerlichen Interieurs in Paris, München und Berlin mehr auf das puristische Fragment und konzentriert sich auf jene Objekte, die Menschen aus Rumänien in die Fremde mitbringen und mit deren Hilfe sie eine Brücke in die Vergangenheit bauen. Im Gegensatz zu den bürgerlich ausstaffierten Lebenswelten stehen die temporären Hütten rumänischer Arbeitsmigranten in den Vororten von Paris (2005). Aber auch hier wird mit bescheidenen Mitteln in liebevoller Weise das Vertraute in die Fremde gerettet, ein Stückchen heimatliche Identität inszeniert. Zusammen ergeben die Innenansichten ein wohl überlegtes, gleichermaßen komplexes und sinnlich erfahrbares Gesamtbild, in dem die Grenzen zwischen realen und imaginären Räumen verschwimmen.
Petra Schröck
HEIMAT UND DAS LEBEN IM EXIL
Die Beschäftigung mit ihrer eigenen Geschichte und Identität hat Beatrice Minda vor einigen Jahren dazu veranlasst, ihre persönlichen Erinnerungen aufzuspüren und sie in fotografische Bilder zu fassen. Es geht ihr nicht darum, die Dinge einfach aufzuzeichnen und vor dem Vergessen zu bewahren. Vielmehr untersucht sie, wie Dinge wahrgenommen, verarbeitet und in der Erinnerung umgeformt werden. Die in Berlin lebende Fotografin rumänischer Abstammung hat sich auf die Suche nach Bildern aus der Lebenswelt ihrer Kindheit gemacht.
Die Serie „Innenansicht“ umfasst Bilder aus rumänischen Wohnungen, die in Frankreich, Deutschland und in Rumänien selbst aufgenommen wurden. Alle Aufnahmen sind bei Tageslicht gemacht. Teile der Räume werden vom hellen, meist durch ein Fenster einfallenden Licht überblendet oder erscheinen im Gegenlicht. Die klaren, atmosphärischen Bilder voller sprechender Details entfalten schon auf den ersten Blick eine lebendige, ihnen eigene Poesie. Die Räume strahlen große Ruhe aus, und die Anwesenheit der Bewohner tritt durch ihre Abwesenheit im Bild umso stärker. Die Fotografien sprechen von der Heimat, dem Leben im Exil und von den Symbolen, an denen sich kulturelle Identitäten festmachen und in eine fremde Welt hinüber retten lassen. Die Aufnahmen sind intime Zeugnisse eines persönlichen und kollektiven Gedächtnisses.
Daniela Goeller
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